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Bye bye Bulimieprüfungen!

Viele Lehrerinnen, Lehrer und Bildungsexperten diskutieren über zeitgemässe Lehr- und Lernformen, über 4K und digitale Transformation im Bildungsprozess. Dabei wird ein zentraler Aspekt des Schullebens meist ausgeklammert: die Prüfungen. Ich werde hier nicht darüber schreiben, ob Noten sinnvoll sind oder nicht und ob wir überhaupt Prüfungen durchführen und Noten vergeben sollten – das ist eine andere Baustelle.

Statt dessen möchte ich hier auf die Kluft hinweisen, die sich auftut, wenn zeitgemässer Unterricht stattfindet: kollaborativ, kreativ, kritisch, kommunikativ (4K)
– die Prüfungsformate aber ihre traditionelle Form behalten:
Einzelkämpfertum, Bulimielernen (= Abfragen von Faktenbergen), Textproduktion als einmaliger Event…

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Wenn man sich diese traditionellen Prüfungsformate einmal anschaut, erkennt man schnell, dass diese nicht dazu da sind, den Erfolg von Lernprozessen bzw. Lernfortschritten zu zeigen. Sie dienen genau genommen vor allem der Selektion und überprüfen, wer sich dem System anpassen kann und wer nicht. Sie prüfen, wie gut jemand auswendig lernen kann, auf Befehl hier und jetzt Leistung zeigen und ein passables Produkt ausspucken kann. Dabei sind das gar nicht (mehr) die Kompetenzen, die wir unseren Schülerinnen und Schülern vermitteln wollen!

Wenn wir uns beispielsweise an den 4K orientieren, verändern sich die Prüfungsformen zwangsläufig mit – und das ist gut so! Denn ist es nicht unendlich langweilig, traditionelle Prüfungen zu lesen bzw. zu korrigieren? Auch unsere Kompetenzen als Lehrerinnen und Lehrer werden dabei genau genommen doch gar nicht gefordert. Wenn ich eine Prüfung korrigiere und denke: „Das könnte jetzt eigentlich auch eine KI erledigen“, dann läuft da etwas falsch.

Wie können aber solche zeitgemässen Prüfungsformate mit 4K aussehen – und auch im Schulalltag umgesetzt werden?

Kollaboration: SuS erstellen (wenn sie möchten) im Teamarbeit ein Produkt zum aktuellen Thema. Sie erarbeiten Struktur und Inhalte gemeinsam und werden auch gemeinsam für das Ergebnis bewertet. Nach Absprache mit den SuS kann man einzelne Aspekte der Bewertung individualisieren.
Beispiel: Erklärfilme o.ä. herstellen

Kreativität: SuS erhalten Freiheit in der Ausführung der Aufgabe. Sie können selbst wählen, wie sie sich dem Thema nähern, wie sie es erarbeiten und aufarbeiten und das Ergebnis präsentieren können. Sie verfügen bereits über die notwendigen Kompetenzen und Kenntnisse oder eignen sie sich im Lauf des Projekts an.
Wird auf eine ‚echte‘ Prüfungssituation Wert gelegt, stehen wiederum uns Lehrerinnen und Lehrern viele Wege offen, um nicht angelerntes Faktenwissen abzufragen, sondern Verstehen und Reflexionsfähigkeit anzuregen.
Beispiel: Informationsbroschüre als iBook, Word-Dok oder von Hand geschrieben.

Kritisches Denken: Die SuS sind aufgefordert, sich auch auf der Reflexionsebene mit dem Thema und ihrer Herangehensweise auseinanderzusetzen. Sie hinterfragen selbst Inhalte, Methoden, Perspektiven, Arbeitsweisen und können auf konstruktive Kritik angemessen reagieren.
Beispiel: Reflexion über den Arbeits- und Erkenntnisprozess wird Bestandteil der Arbeit.

Kommunikation: SuS untereinander sowie SuS und Lehrperson sind während der Arbeitsphase in ständigem Austausch, geben Feedback, unterstützen und begleiten sich. Nicht nur das Ergebnis zählt, sondern auch der Prozess, der zum Ergebnis führt.
Beispiel: Deutschaufsatz begleitend zur Lektüre (hier mal durchgeführt und dokumentiert).

Zeitgemässe Prüfungen bedeuten auch für uns Lehrpersonen ein Umdenken. Erwartungen und mögliche Erarbeitungswege müssen klar und transparent dokumentiert werden. Bewertungen sind aufwändiger, individualisierter, förderorientierter. Wirklich sinnvolles Feedback zu geben, braucht zunächst ein wenig Übung, ist aber wesentlich befriedigender als traditionelle Prüfungen, denn es zeigt Wirkung: Die SuS fühlen sich ernst genommen statt nur abgehakt. Sie sehen die Energie und Arbeit, die die Lehrperson in sie investiert. Sie spüren, dass es nicht um Selektion geht, sondern darum, dass jede Schülerin und jeder Schüler zeigen kann, wozu sie/er wirklich fähig ist und das die Lehrpersonen sie bei diesem Prozess unterstützen wollen.

Viele gute Ideen und Theorien zu zeitgemässen Prüfungen finden sich auf diesem Google Doc von Christian Albrecht (Twitter: @chris.albrecht01) und Axel Krommer (Twitter: @mediendidaktik_).
Viele Impulse gibt#s auch auch bei diesem Podcast von PvD. 

Wer noch weiter diskutieren oder mehr praktische Beispiele sehen möchte, hat beim Barcamp in Bad Wildbad dazu Gelegenheit. Am Freitag werde ich einen Workshop zu zeitgemässen Prüfungsformaten anbieten.